Ungeliebten Eigenschaften

Wie so häufig, schnappe ich mir meine Kamera, gehe in den Garten und halte fest, was mir gefällt. Ein Foto von einer Distel finde ich besonders gelungen. Das könnte ich nutzen, um es mit einem Spruch auf meiner Seite „Herzerfrischend“ zu veröffentlichen. Ich denke mir so etwas wie: „Auf den ersten Blick etwas kratzig, auf den zweiten einfach nur schön„, „Es muss nicht alles rund und weich sein, um zu gefallen“ oder „Die Stacheln gehören dazu, das unterstreicht die Schönheit.“ Dabei denke ich an meine Klienten, die häufig eine Eigenart an sich als abstoßend erleben und sich deshalb nicht annehmen können. Solch einen Spruch oder ein Zitat finde ich nicht, auch ein eigener Spruch fällt mir nicht ein, der kurz und knapp die Botschaft rüber bringt.

1

Dagegen lese ich, schon in der Bibel wurde die Distel als Bild für das Böse benutzt. Disteln stehen für Bestrafung, der Untergang und die Zerstörung.

Da geht es mir ganz anders (ich muss auch nicht Disteln bekämpfen, damit Gemüse und Getreide auf dem Feld wachsen). Ich finde Distel schön. Als ich meinen Garten plante, war klar, da müssen Disteln rein. So habe ich Silberdisteln, Kugeldistel, Mariendistel und das Mannstreu in meinen Beeten.

2Was ist an Disteln so schön? Viele blühen sehr lange,  werden von Insekten geliebt und sie sind äußerst robust. 

Klar stören mich die wilden Disteln, die sich in meinem Garten ausgesät haben und ich finde es nervig, wenn die Stacheln sogar die Gartenhandschuhe durchdringen und mich piksen. Nur, es muss einen Grund haben, dass sie sich so gegen die Außenwelt schützen müssen. Wahrscheinlich konnten sie nur so überleben.

3

Genau so ist es doch auch mit unseren ungeliebten Eigenschaften (jetzt bin ich wieder bei den Menschen), wir haben sie gebraucht, um in unserer Umgebung zurecht zu kommen und sie haben sich als sinnvoll für uns erwiesen. Sich über die ungeliebten Eigenschaften zu ärgern, führt nur dazu, dass wir uns selbst ablehnen. Mit meinen Klienten arbeite ich daran, zuerst einmal die ungeliebten Eigenschaften anzuschauen und zu hinterfragen, wozu habe ich sie gebraucht, wo nützen sie mir. Brauche ich sie jetzt noch? Kann ich sie akzeptieren, wenn ich merke, dass sie mich soweit gebracht haben, wo ich heute bin.

4

Erst wenn deutlich wird, dass sie nicht mehr in die jetzige Lebenssituation passen, kann ganz geduldig versucht werden, eine ungeliebte Eigenschaft abzulegen.

In diesem Sinne: Disteln sind schön und brauchen ihre Stacheln!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte bestätige, dass du die Datenschutzerklärung gelesen hast